Musik schenkt Lichtblicke: Die Musikgeragogik ist eine noch junge Disziplin. Ein Besuch im Altersheim zeigt: Bei Demenzpatienten hat sie eine aufhellende Wirkung. Sie richtet sich aber an alle, die im Alter Musik machen möchten.
Marie-Theres Ledergerber ist eine von wenigen ganz neuen Musikgeragoginnen in der Schweiz. Sie musiziert mit alten Menschen mit und ohne Beeinträchtigung. Besuch in einer Demenzgruppe. (Bild: Mareycke Frehner)
Irgendwo weit weg in ihrer eigenen unzugänglichen Welt scheinen die zwölf Demenzkranken der geschlossenen Abteilung des Alterszentrums Sunnewies im thurgauischen Tobel zu leben. Das wird sich schnell und überraschend ändern. Musikgeragogin Marie-Theres Ledergerber ist da und musiziert mit den alten Menschen. Die Instrumente hat sie auf einem umgebauten Rollator, ihrem Klangmobil, mitgebracht. Schon Charles Darwin hat geschrieben: «Die Musik hat eine wunderbare Kraft, die in einer unbestimmten Art und Weise die starken Gemütserregungen in uns wieder wachzurufen vermag, welche vor längst vergangenen Zeiten gefühlt wurden.» Ganz erstaunlich und berührend ist es, zu erleben, wie die in sich verschlossenen Demenzpatienten sich vom Lied «Lustig ist das Zigeunerleben» anstecken lassen. Manche singen mehrere Strophen sofort auswendig mit oder lassen sich mit Orff-Instrumenten in der Hand vom Rhythmus anstecken.
Ein Moment Leichtigkeit in einer Welt des Vergessens
Müde Patienten zeigen plötzlich Emotionen, bei vielen huscht ein Lächeln übers Gesicht. Kurze Momente von Kontakt und Verbindung zur Musikgeragogin bringen Leichtigkeit, ja fast ein wenig Glanz in diese Morgenrunde. Das professionell geleitete Musizieren mit älteren Menschen, gesunden wie kranken, hat nichts mit Therapie zu tun. «Es gibt keinen Lerndruck und es soll auch nichts verbessert werden», sagt Marie-Theres Ledergerber, die als studierte Konzertgeigerin zu den ersten ausgebildeten Musikgeragoginnen in der Schweiz zählt: «Menschen haben ein lebenslanges Recht auf Bildung, und auch Demenzkranke sind bildungsfähig.»
«Du bist ein guter Typ»
Mit farbigen Tüchern Musik in tänzerische Bewegungen umsetzen: Die Demenzkranken in Tobel, einem der noch sehr seltenen Alterszentren in der Schweiz, die bisher Musikgeragogik anbieten, reagieren auch hier sofort und zeigen ihre Freude an der gelungenen Bewegung, an der Umsetzung kleiner Choreografien. «Du bist ein guter Typ», macht ein Patient der Musikgeragogin ein Kompliment, das von Herzen kommt. Musik bringt für ein paar Augenblicke Licht in die rätselhafte Welt des langsamen Verdämmerns. Sie wirkt stark und aktiviert unmittelbar, auch das biografische Gedächtnis. «Mit Musik kann ich direkt Brücken bauen zu den Geschichten dieser Menschen», sagt Marie-Theres Ledergerber. «Innere Sozialräume zusammenführen wirkt harmonisierend und beeinflusst zudem ein Heimklima positiv.»
Gute Verankerung im Gehirn
Warum wirkt Musik so stark auch auf Menschen, die in einer Welt des Vergessens zurechtkommen müssen? «Alles, was im Zusammenhang mit Musik und musikalischen Erlebnissen emotional im Gehirn verankert wird, hat grosse Chancen zu bleiben. Man kann lange und immer wieder darauf zurückgreifen», sagt Andrea Kumpe von der Hochschule Luzern, wo Musikgeragogik als Weiterbildungsstudiengang angeboten wird. Marc Brand, der in Luzern seit einigen Jahren auf dem Gebiet des Altersmusizierens forscht, doppelt nach: «Musik aktiviert das Gehirn extrem und weckt unmittelbar die Lebenskräfte.» Gerade das aktive Musikmachen wirke hierbei besonders stark, Musik setze sich wie körperlich im motorischen Gedächtnis fest.
«Musik soll Fröhlichkeit bringen»
Ein Senior im Alterszentrum Tobel hat noch etwas Mühe mit seinem Rhythmusinstrument. «Sie waren doch Bauer und haben Ihren Kühen über das Fell gestreichelt», sagt Marie-Theres Ledergerber. Sofort ist die passende Bewegung da, mit welcher der ehemalige Landwirt jetzt auch Musik machen kann. «Musik mit Demenzkranken ist Ermöglichungslernen und soll Fröhlichkeit und Unbeschwertheit in den manchmal grauen Alltag der Menschen bringen», sagt die Musikerin. Musikmachen mit Demenzkranken ist aber alles andere als ein wenig Plausch. Jede Lektion will genau geplant sein. Oft ist Spontaneität und Sensibilität von der Musikgeragogin gefordert, manchmal auch schnelles Umstellen des Konzepts. Demenzforscher sind sich heute einig, dass das musikalische Gedächtnis oft erhalten bleibt, weil es im hinteren Teil des Frontalhirns lokalisiert ist, welches vom fatalen Abbau der Gehirnstrukturen weitgehend verschont bleibt.
Mit Musik kehrt ein Stück Würde zurück
Die Wirkung von Musik, die Erinnerung an alte Lieder, der Drang sich zur Musik zu bewegen, über Töne und Rhythmen einen kurzen Moment in Beziehung oder ins Gespräch mit anderen zu kommen: Mit der Musikgeragogik im Alterszentrum Sunnewies scheint den Demenzkranken auch ein wertvolles Stück Würde zurückgegeben zu werden. Anstrengend, aber toll fanden es alle zwölf Patienten. «Es war schön, jetzt will ich aber meinen Zmittag», sagt einer von ihnen ganz direkt.
In der Schweiz noch Neuland
Professionelles Musikmachen, das didaktisch speziell auf ältere Menschen zugeschnitten ist, gibt es als Studiengang an der Hochschule Luzern erst seit kurzem. Dreissig Absolventen haben bisher abgeschlossen. Der vierte Lehrgang beginnt gerade neu. Studienkoordinator Marc Brand erklärt, dass Musikgeragogik den demografischen Entwicklungen Rechnung trage. Hier sei ein neues Segment entstanden, das ausgebildetes Fachpersonal brauche, sagt auch Andrea Kumpe, die in Luzern die Weiterbildung und Forschung koordiniert. Die Ausbildung ist interdisziplinär und profilübergreifend gestaltet. Bei entsprechender Fähigkeit auf einem Instrument können sich so auch Interessierte aus Pflegeberufen in Musikgeragogik weiterbilden. Professionelles Musizieren mit älteren Menschen ist in der Schweiz noch Neuland. Es hängt derzeit stark von der Eigeninitiative der CAS-Absolventen ab, das Angebot bekannter zu machen. Bisher gibt es nur wenige Alters- und Pflegeheime, die Musikgeragogik anbieten. Die Arbeit mit Demenzkranken ist nur ein (besonders anspruchsvoller) Teilbereich der Musikgeragogik. Musikmachen mit dieser Zielgruppe ist aber mehr als bloss ein Zusatzangebot. Es könne längerfristig mithelfen, dass weniger Medikamente, etwa Psychopharmaka, verabreicht werden müssten und die Fluktuation beim Pflegepersonal sinke. Das jedenfalls sind die Erfahrungen deutscher Altenheime, die Musikgeragogik in ihre Arbeit integriert haben.